Essays


Olga von der Wolga

Ich bin ein Ausländer. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich leide nicht darunter. Zumindest nicht so, wie Sie sich das jetzt vorstellen. Es ist eher eine Art körperliches Leiden- meine Ohren werden gequält, und meine Zunge muss immer wieder das selbe wiederholen.
Sie müssen sich das ungefähr so vorstellen: Ich befinde mich auf einer Party und werde vorgestellt: „...und das ist meine Freundin Olga.“
“Holger?“

Olga Voinovitch

„Nein, Olga.“ Das ist ein Test. Was fällt Ihnen dazu ein? Ja, denken Sie auch an den Fluss? Genau! Dann haben Sie ins Schwarze getroffen. Denn beim leisesten Erwähnen meines Namens kriege ich es zu hören: Olga von der Wolga. Und wenn der Teufelskreis erst mal begonnen hat, gibt es kein Zurück mehr:

„Kommt deine Mutter aus Russland?“
„Ich komme aus Russland. Ich bin Russin.“
„Ach wirklich? Das ist ja interessant!“

Mein Gesprächspartner schaut an mir rauf und runter, weil er erstens gar nicht mit so spannendem Gesprächsstoff meinerseits gerechnet hätte und zweitens, um eine kleine Balalaika in meinen Händen zu entdecken, mein Parfüm nach einer dezenten Wodkanote zu überprüfen oder aber um zu sehen, ob –wenn man mich in der Mitte aufklappt- eine zweite, kleinere Olga rausspringt. Und dann kommt sie, die zweite Frage –und die kommt immer: „Wie kommt es denn, dass du so gut Deutsch sprichst?“ ... lesen Sie mehr >>


Wer ohne Sünde ist...

Meine ersten Erfahrungen mit der katholischen Kirche machte ich in der ersten Klasse –Pfarrer, Beichtstuhl, Schuld und Sühne und alle sieben Todsünden inklusive. In der Sowjetunion, wo ich bis zu meinem siebten Lebensjahr gelebt hatte, war Religion Opium fürs Volk. Generationen von Russen wurden atheistisch erzogen. Es gehörte zwar zur höheren Bildung, die Bibel gelesen zu haben, aber im literarischen Sinne, nicht als Glaubensgrundlage.
So staunten meine Eltern nicht schlecht, als ihrer kleinen Tochter der katholische Religionsunterricht in Deutschland nicht nur großen Spaß machte, das Kind hatte sogar eine konkrete Vorstellung von Gott und kniete sich bei jedem Kirchenbesuch –ob in Rom oder Jerusalem- hin, um sich zu bekreuzigen.

Olga Voinovitch

Und dann kam der nächste Schritt: Unsere Klasse sollte zur Beichte gehen.
Jedes Kind verbindet mit dem Anfangsbuchstaben seines Nachnamens irgendwelche unangenehmen Erfahrungen. Bei mir war es die Schlusslichtfunktion des W im lateinischen Alphabet. Sei es eine Spritze beim Schularzt, die Abnahme irgendeiner unangenehmen Sportdisziplin oder die Zeugnisausgabe –immer war ich als letzte dran, immer musste ich am längsten warten, hoffen und bangen. So eben auch bei der Beichte.
Schon auf dem Weg zur Kirche bekam ich panische Angst. Später erfuhr ich von meiner Schulfreundin Leni, dass man Sachen beichten kann wie „ich habe einen Keks aus der Küche geklaut“ oder „ich habe das Fahrrad meiner Schwester kaputt gemacht“. Das alles hätte ich problemlos erfinden können, aber ich konnte einfach nicht glauben, dass es sich bei so einer seriösen, groß angekündigten Beichte um solch lächerliche Lapalien handeln könnte.

Unsere Religionslehrerin hatte uns nämlich vorher ganz ausdrücklich gebeten, uns über unsere Sünden ernsthafte Gedanken zu machen. Und besonders ich, die ich noch nie gebeichtet hatte.. Da dachte ich schon, es sollte sich um ein richtig schweres Vergehen handeln.... lesen Sie mehr >>


Scheinbullen

Derrick, Kommissar Rex, Alarm für Cobra 11.. deutsche Polizisten jagen auf Fernsehbildschirmen in der ganzen Welt erfolgreich auch die gewieftesten Übeltäter und nicht ein Krimineller entkommt ihnen unbestraft. So sind Deutsche und Nichtdeutsche weltweit überzeugt, Deutschland und im speziellen München ist der sicherste Ort überhaupt. Glaubt man den Statistiken, dann ist München weltweit eine der zehn sichersten Großstädte, in der nahezu alle Verbrechen aufgeklärt werden. Teilweise trifft das bestimmt auch zu, allerdings weniger wegen der guten Polizeiarbeit, sondern vielmehr aufgrund der schon fast zwanghaften Gesetzesfurcht der Deutschen. Doch an Kommissar Rex und seinen Kollegen liegen die guten Statistiken bestimmt nicht. Woher ich das weiß? Weil ich bei der Entstehung einer solchen Statistik dabei war!

Ich bin Lehrerin in einer privaten Deutschschule. Unsere Studenten, meist 18-jährige Teenager aus ziemlich privilegierten Familien, kommen für einige Wochen nach München, um einen Intensivkurs zu machen, viele Leute kennen zu lernen, Bier zu trinken und den Spaß ihres Lebens zu haben, bevor sie in ihre Länder zurück fahren um ihr Studium zu beginnen.
Einer dieser Studenten war eines Abends nach dem Ausgehen auf dem Nachhauseweg in seine Gastfamilie in Großhadern, als er von drei deutschen Jugendlichen überfallen wurde.
Sie hatten ein Messer, mit dem sie um ihn ein bisschen zu erschrecken, an seinem T-Shirt herumschlitzten. Ernsthaft verletzt haben sie ihn nicht. Aber sie sind mit seinem Handy, seinem Ipod und 40 Euro Bargeld abgehauen.
Weil der Student nicht so gut Deutsch sprach, bin ich am nächsten Tag mit ihm zur Polizei gegangen.... lesen Sie mehr >>