Essays


Olga von der Wolga

Ich bin ein Ausländer. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich leide nicht darunter. Zumindest nicht so, wie Sie sich das jetzt vorstellen. Es ist eher eine Art körperliches Leiden- meine Ohren werden gequält, und meine Zunge muss immer wieder das selbe wiederholen.
Sie müssen sich das ungefähr so vorstellen: Ich befinde mich auf einer Party und werde vorgestellt: „...und das ist meine Freundin Olga.“
“Holger?“

Olga Voinovitch

„Nein, Olga.“ Das ist ein Test. Was fällt Ihnen dazu ein? Ja, denken Sie auch an den Fluss? Genau! Dann haben Sie ins Schwarze getroffen. Denn beim leisesten Erwähnen meines Namens kriege ich es zu hören: Olga von der Wolga. Und wenn der Teufelskreis erst mal begonnen hat, gibt es kein Zurück mehr:

„Kommt deine Mutter aus Russland?“
„Ich komme aus Russland. Ich bin Russin.“
„Ach wirklich? Das ist ja interessant!“

Mein Gesprächspartner schaut an mir rauf und runter, weil er erstens gar nicht mit so spannendem Gesprächsstoff meinerseits gerechnet hätte und zweitens, um eine kleine Balalaika in meinen Händen zu entdecken, mein Parfüm nach einer dezenten Wodkanote zu überprüfen oder aber um zu sehen, ob –wenn man mich in der Mitte aufklappt- eine zweite, kleinere Olga rausspringt. Und dann kommt sie, die zweite Frage –und die kommt immer: „Wie kommt es denn, dass du so gut Deutsch sprichst?“

„Und wie kommt es, dass du so gut Deutsch sprichst?“ will ich dann immer zurückgeben oder wenigstens „Goethe-Institut Intensivkurse“ sagen. Aber meistens habe ich dann doch Mitleid mit meinem wissbegierigen Gegenüber und sage die Wahrheit: Ich war erst sieben, als wir nach Deutschland gekommen sind, und als Kind lernt man Sprachen sehr schnell.

„Aber Russisch ist doch deine Muttersprache.“
Nein. Für mich bedeutet Muttersprache nicht die Sprache, die meine Mutter spricht, sondern die Sprache, in der ich mich zu Hause fühle. Und das ist für mich Deutsch. Die Klugen geben hier die Sprachfrage auf, andere versuchen durch Heranziehen eigener Beispiele, mich ihrer Verbundenheit zu versichern. Wenn jemand zum Beispiel erzählt, er habe Krebs, so kann er sicher sein, dass er hören wird: „Weißt du, der Bruder des Onkels meiner besten Freundin hatte auch Krebs...“ Damit wollen Menschen einem zeigen, dass sie genau wissen, wie man sich fühlt. Naja, so auch in meinem Fall. „Weißt du, ich kenne einen Türken, der ist hier geboren, aber er spricht trotzdem mit Akzent Deutsch.“ Das tut mir leid. Wirklich. Sobald die Frage geklärt ist, dass ich zwei bis drei Muttersprachen habe (ich habe in meiner Kindheit auch zwei Jahre in den USA gelebt), wechselt das Gespräch in eine wissenschaftlichere Phase:
„In welcher Sprache denkst du?“ Ich meine, ich finde es ziemlich logisch, dass man immer in der Sprache denkt, in der man gerade spricht. Ich fände es ziemlich unpraktisch, immer auf Russisch zu denken, während ich versuche Englisch zu sprechen. Und dann noch der Mythos, dass man immer in seiner Muttersprache zählt. Gut, vielleicht wenn ich versuche, die Wurzel aus 1579 zu ziehen, aber ansonsten... Und wenn wir dann schon bei der Mathematik sind, ziehen die Gesprächspartner sieben von 36 ab, setzen das Ergebnis mit den Jahreszahlen gleich und sagen erstaunt:
„Dann seid ihr also 1980 aus Russland emigriert. Wie war das denn damals nur möglich?“
Und dann erzähle ich sie, die herzzerreißende Geschichte meiner Familie. Mein Vater wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, vom KGB verfolgt, sie haben sogar versucht, ihn umzubringen, und ihn schließlich vor die Wahl gestellt, nach Osten oder nach Westen auszureisen. „Was für ein Glück für deine Familie!“
„Glück? Naja, meine Eltern waren nicht so begeistert. Stell dir vor, du müsstest für immer wegziehen, ohne jemals wiederkehren zu dürfen, ohne jemals deine Freunde und Familie wiedersehen zu können.“
Bedrücktes Schweigen.
„Und woher in Russland kommst du?“

Die Erleichterung, die mein Gesprächspartner verspürt, wenn ich Moskau sage, ist immens. Die Angst, ich könnte eine andere als eine der beiden bekannten Städte nennen, fällt wie eine Lawine von ihm ab. Wirklich, stellen sie sich vor, ich würde Irkutsk sagen, Norilsk oder Krasnojarsk. Und Sie müssten zugeben, noch nie davon gehört zu haben. Glück gehabt!
Jetzt ist das Gespräch auch schon fast überstanden. Nur noch ein paar verwunderte Feststellungen:
„Du bist Russin und trinkst keinen Wodka?“ (Na und? Du trinkst Wein und bist auch kein Franzose!) Einmal hat sich ein junger Mann, mit dem ich gezwungen war, fünf Stunden im Auto auf dem Weg nach Wien zu verbringen, die ganze Fahrt lang darüber totgelacht, dass ich Russin bin und trotzdem friere. Aber danach kommt nur noch die Frage nach der heutigen Situation in Russland, und was ich, als Experte sozusagen, prophezeien würde. Dann ist das Vorgespräch beendet, und ich kann entweder mit diesem Menschen weiter über Politik plaudern oder aber jemand neuen kennen lernen und von vorne anfangen.
Deshalb sind die meisten meiner Freunde auch international.
Meine österreichische Freundin in den USA wird übrigens ständig gefragt, ob sie oft Kängurus auf der Straße sieht, meine schwedische Freundin in Spanien, ob sie im deutschen oder französischen Teil Schwedens lebt. Ich kann ihnen allen nur raten, auch so einen Artikel zu schreiben. Denn von heute an werde ich ihn überallhin mitnehmen –oder ihn mir gleich aufs T-Shirt drucken lassen-, damit ich in Zukunft auf Partys gleich zum Small Talk übergehen kann.